25-jähriges Jubiläum

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Interview mit Schaustellerpfarrer Volker Drewes.

Die evangelische Circus-und Schaustellerseelsorge besteht seit über 70 Jahren und betreut 22.000 Gemeindemitglieder auf der Reise. Am 19. März 1996 wurde Pfarrer Volker Drewes offiziell von der evangelischen Kirche zu Kurhessen-Waldeck und der EKD zum Circus-und Schaustellerseelsorger berufen und begeht nun sein 25-jähriges Jubiläum als ehrenamtlicher Schaustellerpfarrer. Sein Markenzeichen ist die Drehorgel, mit der er die Gottesdienste auf den Volksfesten musikalisch untermalt. Daneben engagiert er sich für das Bad Hersfelder Lullusfest im Lullusfestverein. Außerdem ist er Ehrenmitglied im Schaustellerverband Kassel-Göttingen e.V.

Wie bist Du persönlich durch die Covid-19-Pandemie gekommen?

„Gesundheitlich bin ich bisher unbeschadet durch die Pandemie gekommen, dafür bin ich sehr dankbar.“

Die evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck hat früh einen Circus-und Schaustellerpfarrer für diese Region beauftragt. Nun ist Nordhessen weder Schausteller-Hochburg noch für Volksfeste mit Millionenpublikum bekannt. Wie kam es dazu?

„Die evangelische Kirche von Hessen-Nassau, also die Schwesterkirche von Kurhessen-Waldeck, hatte kurz vorher mit Pfarrerin Beutler-Lotz, eine hauptamtliche Kollegin in diesem Arbeitsbereich eingesetzt. Da aber die Kirche von Kurhessen-Waldeck sich keine bezahlte Stelle leisten konnte, wurde ich ehrenamtlich mit diesem Dienst betraut. Vorausgegangen waren viele Gespräche mit dem damaligen Leiter der Circus-und Schaustellerseelsorge der EKD, Pfr. Wolfgang Leuschner und dessen Vorgänger Gottfried Pangritz. Beide Seelsorger standen vor dem Problem, eine vielteilige und weitverstreute Gemeinde zu betreuen. Als Gemeindepfarrer in Gudensberg bei Kassel hatte ich in der Nähe des Pfarrhauses einen Festplatz, auf dem die Schausteller aus Kassel – Göttingen und mittlere Circusunternehmen gastierten. Darüber hinaus gibt es in Nord-und Mittelhessen viele Traditionsmärkte, die von Schaustellernangrenzender Bundesländer beschickt werden. 1982 entstanden die ersten Kontakte, die sich im Laufe der Jahre intensivierten. So entwickelte sich der Wunsch einiger Schausteller und des Circus Herkules, ob ich nicht ihr Seelsorger werden könnte. Aber erst die Grenzöffnung und ein Stellenwechsel nach Bad Hersfeld eröffneten die Möglichkeit. In der Zwischenzeit wurde ich von EKD-Pfarrer Leuschner immer mal wieder mit Einsätzen betraut. So wirkte ich seit 1986 bei Gottesdiensten in Kassel mit und begleitete seit 1992 für ihn regelmäßig die Schausteller auf dem Frankenberger Pfingstmarkt und in Alsfeld. Am 19.03.1996 wurde ich dann von Oberlandeskirchenrat Jüngling und EKD-Pfarrer Wolfgang Leuschner in Kassel für den Dienst auf der Reise eingesegnet und der begann gleich mit einer Taufe, zwei Konfirmationen und Geschäftseinweihungen.“

Viele Volksfeste, Kirmessen oder Dulten haben historische Wurzeln. Wie wir feiern, spiegelt das lokale Brauchtum in einzigartiger Weise wider. Wie die Besucher „ihr“ Fest leben, spürt man, wenn man als Fremder ein Fest besucht. Wie nimmt ein reisender Pfarrer die Vielfalt der Volksfestlandschaft wahr?

„Ich erlebe die Vielfalt der Volksfeste in Deutschland als bereichernd. Das merkt man auch an den Gottesdiensten, die sich je nach Region unterschiedlich gestalten. Als Vertreter für EKD-Kollegen habe ich Gottesdienste in Oldenburg, Hannover, Paderborn, Braunschweig, Düsseldorf, Nürnberg, Freiburg und Eisenach gehalten. Bekannte Schausteller haben mir immer geholfen, mich schnell mitder Festtradition auseinanderzusetzen, und es bewahrheitete sich das Motto: ‚Die Welt ist unser Feld‘ –man ist in der reisenden Gemeinde überall zu Hause. Auch wenn die Volksfeste eine eigene Prägung haben.“

Sind Schausteller besonders gläubig? Wie unterscheiden sie sich von den Christen der Ortskirchen? Ist es in einem Festzelt schwerer als in einer Kirche Gottes Wort zu verkünden?

„Schausteller, Circusmenschen, Puppenspieler, viele reisende Händler haben eins gemeinsam: durch ihr ständiges Unterwegssein haben sie einen inneren festen Standpunkt, und dazu gehört auch der Glaube, das Vertrauen zu Gott. Das ist nicht immer rein kirchlich konfessionell geprägt, vielmehr von einer tiefen inneren Grundeinstellung. Das unterscheidet sie schon manchmal von den Mitgliedern der Ortskirchen. Im Alten Testament wird berichtet, dass Gott in einem Zelt mitreiste. Dieses innere Bild nehme ich auch jedes Mal mit, wenn ich einen Zelt-oder Autoscootergottesdienst halte –und die vielen Besucher der Ortskirchengemeindenspüren in diesen Gottesdiensten, dass an dem alten Bild etwas dran ist, denn Gottes Wort kann überall verkündet werden!“

Wie viel Kilometer legst Du im Jahr für Gottesdienste, Trauungen, Taufen, Konfirmationen, Bildungsarbeit und Beerdigungen zurück?

„Obwohl mein Reisegebiet relativ klein ist, kamen 2019 über 12000 Reisekilometer zusammen. Das hing auch damit zusammen, dass ich häufiger in Niedersachsen Dienste hatte.“

Neben der evangelischen Kirche ist auch die katholische Kirche auf den Festplätzen präsent. Welche Rolle spielt die Ökumene mit den katholischen Amtsbrüdern?

„Wir verständigen uns, wenn es in der reisenden Gemeinde Überschneidungen oder Probleme gibt. Große traditionelle Gottesdienste werden im ökumenischen Miteinander gefeiert.“

Wie hat sich die seelsorgerische Arbeit der reisenden Gemeinde von 1996 bis heute verändert?

„Wenn man 25 Jahre Menschen auf der Reise begleitet, lernt man viel von-und miteinander. Das öffnet. Vertrauen wächst. Nicht nur ich „gebe“ den Gemeindegliedern,sondern bekomme viel „geschenkt“. Daraus entwickelt sich dann auch ein anderes Arbeiten. Aber eines ist immer gleich geblieben, Circus-und Schaustellerseelsorge ist nachgehende Seelsorge.“

Die SARS-CoV-2-Pandemie beschleunigte die Digitalisierung. Auch die Kirche hat mit YouTube-und Zoom-Gottesdiensten digitale Angebote entwickelt. Werden wir uns künftig mit einem QR-Code in einen Schausteller-Gottesdienst einwählen?

„Die Schausteller-und Circusgemeinde lebt von der persönlichen Begegnung. Obwohl Schausteller technisch immer innovativ sind und waren ein technisches Gerät wird nicht die Begegnung ersetzen. Sicherlich gibt es auch heute schon Kollegen und Kolleginnen, die das Internet mit Andachten für die Reise nutzen. Aber das wird sich nach der Pandemie wieder ändern da bin ich mir sehr sicher!“

Wenn man ein Vierteljahrhundert in Wohnwagen und auf Festplätzen immer ein offenes Ohr für die Schausteller gezeigt hat, kennt man deren Sorgen und Nöte viel besser als andere in diesem Metier. Was schätzt Du an den Schaustellern ganz besonders? Welche Schicksale berührten Dich nachhaltig?

„An den Schaustellern, Puppenspielern und Circusmenschen schätze ich besonders ihre dem Leben zugewandte Art. Sie schaffen es immer wieder, sich selbst aus schwierigen Situationen zu befreien. Meine Aufgabe ist es, manchmal ihren Blickwinkel zu verändern, den Rest machen sie dann allein. Mit welcher Fantasie sie dann die Aufgaben angehen, ist bewundernswert. Natürlich gab es in diesen 25 Jahren auch traurige, manchmal unfassbare Ereignisse, wie der plötzliche Tod junger Menschen, unheilbare Krankheiten usw. Solche Ereignisse bewegen mich immer mal wieder. Aber da ich ja auch 25 Jahre Krankenhauspfarrer war, habe ich gelernt, damit umzugehen.“

Wie stellst Du dir die Schaustellerseelsorge in der Zukunft vor?

„Eigentlich wollte ich in diesem Jubiläumsjahr aufhören, aber gerade die Pandemie und viele Gespräche mit Schaustellern haben mir gezeigt, dass es noch nicht an der Zeit ist. Darum habe ich mich sehr gefreut,dass die evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck diesen ehrenamtlichen Auftrag für fünf weitere Jahre verlängert hat. Sie will damit zeigen, dass sie die reisende Gemeinde gerade in der schwierigen Zeit und den kommenden Jahren nicht allein lässt. Ich hoffe nun, dass auch die EKD und die anderen Landeskirchen diesem Beispiel folgen. Dann hat auch Circus-und Schaustellerseelsorge eine Zukunft.“

Mal angenommen, wir sind alle geimpft und die Pandemie ist plötzlich zu Ende. Was wirst Du als erstes tun?

„Mit Dankbarkeit auf einen Festplatz gehen, Besuche machen, das Leben feiern und fragen, wann wir die vielen Konfirmationen, Hochzeiten und Taufen nachholen wollen, die leider bisher ausgefallen sind.“

Text: Wilfried RoßbachFotos: privat/Archiv

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