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Niederländers „Krinoline“ mit einzigartiger Blasmusik

Die „Krinoline“ ist in vielerlei Hinsicht absolut einzigartig und gewiss ist sie auch nicht jedem Volksfestbesucher bekannt, da sie ausschließlich zum Münchner Oktoberfest aufgebaut wird. Dort jedoch ist sie eines der ältesten gastierende Familienfahrgeschäfte und genießt einen Kultstatus sondergleichen. Zurecht möchte man meinen, denn immerhin gehört sie seit fast 100 Jahren zum festen Inventar der Wiesn. 1924 baute Michael Großmann, der Urgroßvater des heutigen Betreibers Matthias Niederländer, die „Krinoline“ erstmals auf der Theresienwiese auf. Damals wurde sie noch von drei bis vier Mann per Muskelkraft bewegt –etwas, das heute nicht mehr vorstellbar ist. Die entsprechend hohen Personalkosten waren in den 1930er-Jahren kaum noch tragbar, sodass Großmann 1936 entschied, einen elektromechanischen Antrieb zu entwickeln. Zur Wiesn 1938 bewegten dann erstmals Excenter und starke Federn das Karussell. Diese Technik kann man bis heute im oberen Teil des Mastes bewundern. Bei der Konkurrenz, die zu dieser Zeit immer moderner und rasanter wurde, kamen in allerRegel Schaustellerorgeln (wie auch zur „Krinoline“ bis 1937) zur musikalischen Untermalung zum Einsatz. Großmann wollte und musste sich von der Masse abheben und baute einen kleinen Balkon am Rande des Karussells, auf dem seither eine 5-Mann-Blaskapelle aufspielt –die original Krinoline-Blaskapelle.Noch heute spielt diese Blaskapelle, unter der aktuellen Leitung von Kapellmeister Siegfried Kaiser, jeden Tag auf der Wiesn von 14 Uhr bis zum Schluss. In zwei Schichten wird aufgespielt, was das Publikum nach wie vor wahrlich begeistert. Was die Besetzung und die Titelauswahl angeht, übernimmt der Kapellmeister die Organisation.Ein Dauerbrenner von Beginn an ist das Volkslied „Schön ist so ein Ringelspiel“. (Anmerkung des Redakteurs: Für diejenigen, denen dieser Begriff nichts sagt: Der Terminus „Ringelspiel“ stammt aus Österreich und bedeutet nichts anderes als „Karussell“.) Hermann Leopoldi komponierte das Stück Anfang der 1930er-Jahre und ließ es erstmals 1932 aufnehmen. Veröffentlicht wurde es zunächst auf Schellack-Platten. Dem breiten Publikum wurde es dann erst im Jahre 1947 richtig bekannt, als es zum Schlager-Hit avancierte. In gewisser Weise noch älter ist der Titel „Rosamunde“, da dieser Schlager auf einer böhmischen Polka von Jaromir Vejvoda des Jahres 1927 basiert. Erst 1934 verfasste Klaus S. Richter dann einen deutschen Text dazu und veröffentlichte es unter dem genannten Titel, woraufhin es zum Stimmungslied aufstieg. Auch dieses Stück ist wohl auf ewig mit der „Krinoline“ verbunden.

Bei dem Popsong „Eviva Espana“ wird die Krinoline hin und wieder zum singenden Karussell. Obgleich der Titel aus Belgien stammt und in niederländisch geschrieben wurde, entwickelte sich hierzulande die Coverversion von Hanna Aroni im Jahre 1972 zum Chart-Hit, der bis heute auf vielen Veranstaltungen mitgesungen wird. Für Matthias Niederländer zählt dieser Augenblick zu den ganz besonderen Momenten, wenn 60 singende Kehlen die Karussellfahrt untermalen. Manchmal kommt es auch dazu, dass die Pärchen schunkeln. Das hält aber oft nur kurz an, da die meisten sich dann auf die Fahrt konzentrieren (müssen). Zumindest ein leichtes Bauchkitzeln entwickelt sich dann doch bei der Fahrt, die kurze, oft unterschätzte Schwebemomente beinhaltet. Tatsächlich musste auch schon der Wassereimer zum Einsatz kommen. Musik, Licht und viele andere Eindrücke, die auf die Insassen einwirken, lassen die „Krinoline“ rasanter werden, als sie zunächst scheint. Ungewöhnliche Musikwünsche können seitens der Kapelle nicht immer erfüllt werden, aberdas ist meist irrelevant fast immer werden dieselben Titel erbeten, Eine wahre Kunst seitens der Kapelle ist es, die Länge der Tondichtungen an die Dauer der Fahrt anzupassen, denn diese endet ja nicht unbedingt mit der angespielten Komposition. So wirdnicht selten der Teil von bekannten Refrains noch einmal wiederholt. Auch für die Kassierer stellt die Mitfahrt in der „Krinoline“ eine besondere Herausforderung dar, da während der Fahrt kassiert wird ein weiteres Alleinstellungsmerkmal dieses Nostalgieklassikers.Im Gespräch mit dem „Komet“ erinnert sich Betreiber Niederländer an viele verschiedene Ständchen, die seitens der Kapelle gespielt wurden. Geburtstagsständchen mit dem zeitlosen „Happy Birthday“ oder Heiratsanträge mit romantischen Chansons gibt es immer wieder bei der „Krinoline“. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Niederländer sich immer wieder für die Kultur der Blechblasinstrumente engagiert. Ein richtiges Kulturprogramm stellt er alljährlich für die Zeit auf der Wiesn zusammen. So nimmt erimmer wieder Gastkapellen unter Vertrag, die ein moderneres Potpourri zum Besten geben und ein jüngeres Publikum ansprechen. Dann erweitert sich das Spektrum in Richtung Wirtshausmusik auf der einen Seite und Internationalität auf der anderen Seite. Mittlerweile ist die „Krinoline“ auf dem Münchner Oktoberfest ein Anziehungspunkt für Musiker, ja ein Pilgerort für Volksmusikfreunde der ganzen Welt geworden. So spielte u. a. auch schon einmal eine mexikanische Mariachi Band „La Paloma“, das sich seit rund 140 Jahren auf dem gesamten Globus verbreitet. Es spielten auch schon Großkapellen mit bis zu 40 Musikern im Karussell und gaben einen Marsch zum Besten das war extrem atmosphärisch! Fans warten nicht selten auf die Feierabendrunde.

Dazu gehört „Lili Marleen“ aus den 30ern und natürlich „Guten Abend, gute Nacht“ in der Vertonung von Johannes Brahms. Zu guter Letzt wird das Trompetensignal vom Zapfenstreich gegeben. Dies geschieht auch schon mal ein paar Sekunden nach dem offiziellen Ende des langen Tages auf der Wiesn, da das Fahrgeschäft genau ausgeglichen stoppen muss. Diese zeitlichen Verzögerungen, wenn der Großteil der Theresienwiese bereits im Dunkeln liegt und manchmal nur noch die „Krinoline“ läuft, erzeugt nicht nur beim Chef Gänsehaut. Wenn nur dies eine Karussell leuchtet und mit ihm die Musik über die Theresienwiese hallt, weckt dies bei den letzten Gästen ein Gefühl von Nostalgie und erzeugt nicht selten glasige Augen. Zu guter Letzt möchte Niederländer nicht unerwähnt lassen, dass er ein sehr angenehmes Publikum transportiert, welches ihm und der Kapelle gegenüber immer wieder Komplimente macht und sich über die Fahrt in einem echten Klassiker von Herzen freut. Auf die abschließende Frage, ob er denn dieses spezielle Fahrerlebnis nicht auch aufanderen Volksfesten den Besuchern vermitteln möchte, antwortete er, dass es acht bis neun Tage des Aufbaus benötigt und ein fast 100 Jahre altes Karussell leider nicht mal so eben von A nach B bewegt werden kann. So wird sich die „Krinoline“ höchstwahrscheinlich 2022 wieder nur auf der Wiesn drehen.

Text: Dennis König
Fotos: © Matthias Niederländer
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