Interview mit Nina Crommelin

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Rijdende School, ENTE und ESU

 

Nina Crommelin
Hallo, einige der Leser werden dich kennen, könntest du dich für die anderen einmal kurz vorstellen?
„Mein Name ist Nina Crommelin und ich arbeite seit 16 Jahren für die Rijdende School, die niederländische Grundschule für die Kinder aus Schausteller-und Zirkusfamilien. Ich bin in Hamburg geboren und ich habe in Deutschland ein Lehramtsstudium und auch das Referendariat abgeschlossen. Nach dem Studium war ich für ein halbes Jahr in Südafrika und dort habe ich meinen heutigen Mann, einen Niederländer, kennengelernt. 2004 bin ich in die Niederlande gezogen und 2005 habe ich angefangen, als Lehrerin für die Rijdende School zu arbeiten. Ich bin eine Saison mit zwei deutschen Zirkussen mitgereist. Diese Zeit war sehr prägend für mich, weil ich so erfahren konnte, wie das Leben auf der Reise aussieht: der Zusammenhalt untereinander; die Motivation, zusammen etwas zu gestalten; die Flexibilität, Probleme zu lösen, wenn z. B. mal wieder der Strom weg ist oder der Platz sich in eine Matschwiese verwandelt hat. Durch diese Erfahrungen war und ist es mir möglich, die Lebenswelt ‘unserer’ Schulkinder besser verstehen zu können. Nach diesem Jahr des Mitreisens war mir klar, dass ich meine Berufung gefunden hatte: Ich wollte Lehrerin für Kinder von beruflich reisenden Eltern bleiben. Auch meine Töchter, die 2006 und 2009 geboren wurden, sind quasi auf Zirkus-und Kirmesplätzen groß geworden.“

 

Erzähl doch mal ein bisschen was über die „Rijdende School“?
„Vor 66 Jahren wurde die Rijdende School auf Initiative von Schaustellereltern gegründet. Mit einem Schulwagen sind Lehrerehepaare von Kirmesplatz zu Kirmesplatz gezogen und haben die dort anwesenden Kinder aus Schaustellerfamilien unterrichtet. 1980 kamen die Kinder von Zirkusfamilien hinzu. Die Rijdende School ist eine niederländische Grundschule. Während der Reisesaison werden ca. 200 Kinder von Eltern, die als Schausteller oder Zirkusmitarbeiter arbeiten, im Alter von 4 bis ca. 12 Jahren unterrichtet. In den Niederlanden gehören die Vorschulklassen und auch die 5. und 6. Klassen zur Grundschule. Aber auch vor dem eigentlichen Schulbeginn und nach dem Verlassen der Grundschule werden die Kinder von speziellen Lehrkräften, den sogenannten Konsulenten, begleitet. Diese stehen den Familien in Bildungsfragen und bei eventuellen Problemen mit Rat und Tat zur Seite. Im Winter besuchen die niederländischen Kinder ihre Stammschulen und während der Saison werden sie entweder online unterrichtet oder besuchen sie einen Schulwagen vor Ort. Die Zusammenarbeit mit den Stammschulen ist sehr wichtig, da so die Kontinuität des Lernprozesses gewährleistet werden kann. Auch sind die Stammschulen verantwortlich für das Ausstellen der Zeugnisse und für die Versetzung. Für den Online-Unterricht, der sich an der Rijdende School seit den Anfängen des Internets mit-und weiterentwickelt hat, bekommen alle Schüler und Schülerinnen einen Laptop und eine Internetverbindung von uns gestellt. Auch hat unser IT-Team eine eigene Lernplattform entwickelt – Navileren. Auf dieser Plattform wird für jeden Schultag und jeden Schüler bzw. Schülerin ein individueller Lernplan bereitgestellt, der sowohl online als auch in den mobilen Schulen bearbeitet werden kann. Auf diese Art und Weise wird dafür gesorgt, dass der Schüler bzw. die Schülerin überall problemlos weiterarbeiten kann.“

Was sind speziell deine Aufgaben dort?
„In den ersten Jahren bei der Rijdende School war ich mitreisende Lehrerin für die Kinder von deutschen Zirkussen, die in den Niederlanden reisen. Schnell wurde ich auch die Kontaktperson für alle ausländischen Schausteller-und Zirkusfamilien, die für eine Saison in den Niederlanden reisen. Ich übernahm neben meiner Unterrichtstätigkeit die Funktion der Koordinatorin ‚Unterricht für Zirkuskinder‘ und ‚Internationale Kontakte‘. Das bedeutet konkret, dass ich mich um die ausländischen Lernpläne, Schulbücher und Online-Angebote kümmere, Kontakte unterhalte und auch Ansprechpartnerin für sowohl Familien als auch für die Stammschulen im Ausland bin. Auch berate ich meine niederländischen Kollegen und Kolleginnen, die mit mir zusammen deutsche Kinder unterrichten.“

Ich kann mir vorstellen, dass die Coronapandemie dich und deine Kollegen in der Arbeit auch stark einschränkt. Wie geht ihr damit um?
„Im ersten Lockdown hatten wir zum Glück gerade alle Laptops und Internetverbindungen verteilt und konnten so alle Schülerinnen und Schüler problemlos weiterunterrichten. Auch konnten wir die Stammschulen beraten, wie sie ihren Online-Unterricht am besten gestalten können.Im Spätsommer bzw. Herbst 2020 gab es in den Niederlanden weniger coronabedingte Einschränkungen und so konnte für kurze Zeit auch wieder vor Ort unterrichtet werden. Zum jetzigen Zeitpunkt befinden sich die Niederlande immer noch im Lockdown, die Grundschulen sind seit Anfang Februar aber wieder geöffnet. Da Veranstaltungen noch nicht zugelassen sind, werden momentan fast alle Kinder aus Schausteller-und Zirkusfamilien an ihren Stammschulen unterrichtet. Einige Kinder werden von uns weiterhin schulisch unterstützt, aber der größte Teil des Kollegiums bereitet in Arbeitsgruppen die Unterrichtskonzepte und das Material für die hoffentlich schnell beginnende Reisesaison vor.“

Du bist ja auch tätig für ENTE und die ESU?
„Ich bin Gründungsmitglied von ENTE, dem ‚European Network for Traveller Education‘, welches 2012 ins Leben gerufen wurde. ENTE e.V. ist ein europäisches Netzwerk von Schulen, pädagogischen Einrichtungen, Ministerien, Politik, Verbänden, Eltern, Kirchen und Öffentlichkeit, welches sich in Europa für Bildungsgerechtigkeit von Kindern beruflich reisender Eltern in ganz Europa einsetzt. So fand 2020 ein Treffen mit Mariya Gabriel, der Eurokommissarin für Forschung, Innovation, Bildung, Kultur und Jugend, statt. Mariya Gabriel versprach, ENTE dabei zu unterstützen, um die Bildungsangebote für Kinder beruflich reisender Eltern strukturell zu verbessern. Im Moment arbeitet ENTE zusammen mit der Europäischen Kommission an einer Kampagne, um das Thema „Bildung für Kinder beruflich reisender Eltern“ breiter an die Öffentlichkeit zu tragen. So wird dieses Thema im Monat Mai auf den Bildungsplattformen der Europäischen Kommission im Fokus stehen und es werden Filme und ein Webinare entwickelt, die europaweit verbreitet werden. Entscheidend ist natürlich, dass sich auf der Ebene der europäischen Staaten etwas verändert und dass erkannt wird, dass Kinder von beruflich reisenden Eltern die gleichen Rechte auf gute Bildung haben wie andere Kinder und dass die Möglichkeiten des Online-Lernens genutzt werden, um das Entstehen von Bildungslücken zu verhindern.ENTE unterhält auch ein Netzwerk von europäischen Servicepoints. Dort können sich Familien, die in andere europäischen Ländern reisen wollen, über das Schulsystem des jeweiligen Landes informieren. Auf dem ESU-Kongress im Januar 2020 in Wien bin ich zu meiner großen Freude zur stellvertretenden Generalsekretärin gewählt worden. Es ist für mich eine große Ehre, das ESU-Präsidium in seiner europäischen Arbeit zu unterstützen.
Durch die gute Zusammenarbeit der europäischen Schaustellerverbände während der Coronakrise wurde bewiesen: Einigkeit macht stark.

Vielleicht zum Schluss noch ein allgemeines Statement? Möchtest du noch was loswerden?
„Ich wünsche allen Schausteller-und Zirkusfamilien, dass die Coronakrise schnell vorbei ist und dass Volksfeste und Zirkusse das Leben der Menschen wieder bunter und fröhlicher machen können. Denn was wäre ein Leben ohne Kinderlachen, ohne die bunten Lichter und die Musik der Kirmes, ohne den Geruch gebrannter Mandeln und frischen Lebkuchen?“

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