Wie ein angebundener Vogel …

Freier Mitarbeiter Rainer Schulz
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Liebe Leserinnen und Leser,

vor einigen Wochen besuchte ich ein befreundetes Schaustellerehepaar. Auf dem Betriebsgelände der Mittfünfziger herrschte geschäftiges Treiben. In der Halle blitzte in Abständen die Lanze des Schweißapparates auf, es wurde gehämmert und es roch – besser, es duftete – nach frischem Lack. Auf dem bislang wohl nicht befestigten Teil des Betriebsgrundstückes waren zwei weitere Mitarbeiter damit beschäftigt, eine große Menge Schotter zuverteilen. Zu diesem Zeitpunkt lockte mich der Duft frischen Kaffees zum klassischen Mack-Wohnwagen der Familie. Die Frau des Hauses (pardon: Wohnwagens) umarmte mich herzlich – wir waren beide bereits geimpft! – und bat mich, am gedeckten Tisch Platz zu nehmen, denn man hatte mich erwartet. Es dauerte nicht lange, da kam auch der Ehemann, mit einem freundlichen Gruß auf den Lippen, herein. Also, alles in bester Ordnung – Friede, Freude, Eierkuchen? Mitnichten! Man konnte den beiden ihre ziemlich gedrückte Stimmung anmerken. Nachdem wir die üblichen Sätze betreffend des Wohlbefindens unserer Familien ausgetauscht hatten, berichteten die beiden unverblümt über ihre gegenwärtigen und in die Zukunft gerichteten Sorgen. „Unser Leben ist auf Eis gelegt. Seitdem wir auf der Reise sind, haben wir noch nie so viele Monate und mehr, an ein und derselben Stelle gestanden und gelebt. Man kommt sich vor wie ein Vogel, der an einen Baum angebunden ist!“ Äußerungen, die mich „Sesshaften“ nachdenklich machten. Längst sind es nicht mehr nur die mehr oder weniger abgefederten finanziellen Probleme der Schausteller, nein, Corona hat sich bereits in den Köpfen eingenistet, bedrückt die Reisenden zutiefst und lässt sie äußert skeptisch in die Zukunft schauen. Nach den Coronamaßnahmen aus dem Vorjahr würgte Covid-19 auch heuer wieder alle namhaften Plätze ab. Die Folge: Verdienstmöglichkeiten gleich Null. Also macht man das, was eben noch möglich bzw. genehmigt ist. Doch eine Lösung sind sie nicht, die überall aus der Not geborenen temporären Freizeitparks,wie immer man sie auch werbewirksam nennen mag. Sie sind und dürfen nur eine vorübergehende Notlösung sein, da sie bei weitem nicht jedem Reisenden eine Chance bieten können und sich in einigen Gegenden zunehmend zu einer Art von Ort zu Ort weiterziehenden Karawane entwickeln. Derartige Veranstaltungen müssen unbedingt das bleiben, was sie sind: ein Behelf. Doch angeblich denken einige besonders Schlaue schon an eine Fortführung solcher Krücken in einer hoffentlich bald wieder normalen Zukunft. Hierzu kann man nur sagen:„Über ein solches Szenario darf nicht einmal nachgedacht werden!“ Die Reise im „Karawanenstil“, wie sie in den nordischen Ländern und auch in den USA üblich ist, darf bei uns niemals zum Geschäftsmodell werden! Stattdessen muss die Reise, wie sie bis 2019 war, so schnell wie möglich wieder her, bevor die vielen traditionellen großen und kleinen Veranstaltungen größere Schäden nehmen. Die Politiker und Wissenschaftler sind gefragt. Letztlich tragen auch sie die Verantwortung für unsere Reise. Es kann nicht sein, dass wir unser Leben und Streben weiterhin dem Virus unterordnen müssen. „Wer geimpft, genesen oder getestet ist, den darf der Staat nicht von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausnehmen!” Das ist auch meine Meinung. Deshalb plädiere auch ich für die Abschaffung des Inzidenzwertes als alleinige Richtlinie für das, was wir dürfen und nicht dürfen. Wie auf dem Paderborner CDU-Schaustellerfrühschoppen (siehe Seite 22 und 23 in dieser Ausgabe) angesprochen, müssen alle Kriterien, die nötige Einschränkungen erfordern oder unnötige verhindern können, zu einem Messwert zusammengefasst werden. Darüber hinaus kann es nicht sein, dass die viel zu vielen Impfverweigerer auf Dauer die Geimpften und Genesenen in Haft nehmen und so von ihren Freiheitsrechten und in unserem Falle auch von der Berufsausübung abhalten. Wenn der dreijährige Nachkomme einer Schaustellerfamilie seine Eltern (die erstmals nach fast zwei Jahren wieder rausfahren konnten) fragt, warum der Wohnwagen aus der Halle hinausgezogen wird, dann ist das schon bedenklich, weil der Kleine das Stehen und Wohnen in der Halle bereits als normal verinnerlicht hat. Zurück zu meinen beiden Gesprächspartnern, die ihrer Sehnsucht nach freiem Reisen Luft machen, wenn sie übereinstimmend sagen: „Wir würde liebend gerne einen matschigen Wohnwagenplatz im hintersten Winkel in Kauf nehmen, wenn es nur weiter ginge mit uns! Wir möchten beim Ankommen auf unseren Plätzen die Freude erleben, die uns entgegenstrahlt, in frohe, erwartungsvolle Gesichter schauen können, von Menschen, die sich freuen, dass die Kirmes da ist. Wir möchten endlich wieder das Zusammentreffen und den Plausch mit denKollegen genießen egal ob der Platz, wo man sich trifft nun bedeutend oder weniger wichtig für uns ist. So wie es zur Zeit um uns bestellt ist, fällt einem die Decke auf den Kopf und man bekommt kaum durchgängigen Schlaf, weil man immer wieder über die gegenwärtige Situation grübelt. Das darf nicht so weiter gehen! Wir brauchen schnellstens wieder leuchtende Kinderaugen, kreischende Fahrgäste und die typischen Kirmesdüfte und Geräusche kurzum: den ganzen großartigen Sound des Volksfestes! Noch eines: Das mit den Überlebenszuschüssen durch unseren Staat ist zwar klasse und das gibt es in dieser Form in keinem anderen Land, doch die Reise kann das nie und nimmer ersetzen!“

Auf dem Nachhauseweg sinne ich nach über das Gesagte und begreife voll und ganz, wie und worum es denSchaustellern geht. Sie brauchen Ihre Plätze wieder, und zwar dringender denn je, denn sie sind das wichtigste Lebenselixier für ihre Branche.

In diesem Sinne, liebe Entscheider auf allen Ebenen: Packt es an!

Euer Rainer Schulz

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