Michael Widmanns Buch über die Wasenschule zeigt, warum Bildung für reisende Kinder die ganze Branche angeht
Rund 2.700 Kinder und Jugendliche sind in Deutschland mit ihren Eltern beruflich unterwegs. Viele von ihnen besuchen im Laufe eines Schuljahres 30 bis 40 verschiedene Schulen. Wer diese Zahl zu Ende denkt, versteht sofort: Bildung für reisende Kinder ist kein Randthema, sondern eine Zukunftsfrage aller reisenden Branchen.
Genau hier setzt Michael Widmanns Buch Die Wasenschule – Ein Modell macht Schule an. Es erzählt von einem Schulmodell auf dem Cannstatter Wasen – und stellt zugleich die Frage, warum solche Lösungen nicht längst an mehr großen Festplätzen entstehen.
Widmann kennt das Thema nicht aus der Distanz. Seit 1997 beschäftigt er sich beruflich mit Schule unterwegs: zunächst als mitreisender Lehrer beim Circus KRONE, später als Lehrer und Bereichslehrer für Kinder beruflich Reisender. Elf Jahre lang prägte er die Stuttgarter Wasenschule auf dem Cannstatter Wasen. Sein Buch ist Rückblick, Erfahrungsbericht, praktische Handreichung und politischer Appell zugleich.
Vom Provisorium zum Modell
Die Wasenschule entstand 2015 aus einer Notlösung: ein kranker Kollege, ein leerer Feuerwehrraum, einige spontan gewonnene Helfer – und die Bereitschaft, etwas auszuprobieren, das es so noch nicht gab. Statt die Schaustellerkinder während des Volksfestes auf mehrere Cannstatter Regelschulen zu verteilen, lernen sie seitdem gemeinsam in einem eigenen Raum in Platznähe. Jedes Kind arbeitet an seinem Lernplan aus der Stammschule und wird dabei von einem ehrenamtlichen Bildungspaten begleitet.
Aus zunächst wenigen Kindern wurden zeitweise über fünfzig. Entscheidend ist dabei nicht nur der Ort, sondern die Struktur: Die Kinder lernen dort, wo sie während des Festes tatsächlich leben – mitten in ihrer Lebenswirklichkeit, nicht als Ausnahme in einer fremden Klasse.
Was reisenden Kindern am meisten fehlt
Das Buch zeigt deutlich: Die entscheidende Lücke liegt nicht allein im Lernstoff, sondern in der fehlenden Beziehungskontinuität. Wer ständig neu ankommt, muss sich immer wieder erklären, einfügen, behaupten oder zurücknehmen. Für viele Kinder bedeutet jeder Schulwechsel nicht nur neuen Unterricht, sondern auch neue soziale Unsicherheit.
In der Wasenschule fällt dieser Druck weg. Die Kinder sitzen nicht als Fremde im Raum, sondern als Teil einer vertrauten Gemeinschaft. Sie arbeiten an ihren Aufgaben, aber sie tun es mit einem Erwachsenen an ihrer Seite, der sich auf sie einlässt. Aus dieser Nähe entsteht keine Bequemlichkeit, sondern Konzentration. Die Ruhe im Raum ist kein Ergebnis von Strenge, sondern von Beziehung.
Praxisbeweis statt grauer Theorie
Besonders stark ist das Buch dort, wo es konkrete Beobachtungen schildert: die ruhige Atmosphäre im Raum, das 1:1-Arbeiten mit den Kindern, die Rolle der Ehrenamtlichen, die Zusammenarbeit mit Eltern, Stammschulen, Schaustellerverband, Stadtgesellschaft und Bereichslehrkräften.
Auffallend nah an der Lebenswirklichkeit der Branche sind die Passagen, in denen Volksfestkultur selbst zum Unterrichtsgegenstand wird: Schaustellergeschichte, Sicherheit, Wetter, digitale Medien, Erste Hilfe und das Projekt „Kulturgut Volksfest“. Hier wird Schule nicht als Fremdkörper auf dem Platz beschrieben, sondern als Lernort, der an das Wissen, die Verantwortung und den Alltag der Kinder anschließt.
Überzeugend ist auch, dass Widmann die Wasenschule nicht als einmaliges Stuttgarter Wunder verklärt. Mit der Pforzheimer Mess und einer spontanen Nachahmung in Pützchen bei Bonn nennt das Buch zwei dokumentierte Übertragungsfälle. Das ist ein Beleg, der mehr wiegt als jede theoretische Beteuerung.
Hausaufgabe für Verbände, Plätze und Politik
Für KOMET-Leser ist Die Wasenschule besonders relevant, weil das Buch die Realität reisender Familien ernst nimmt. Schaustellerfamilien, Circus- und Marktkaufmannsfamilien finden darin ihre Situation wieder. Verbände, Platzverantwortliche, Schulbehörden, Bereichslehrkräfte und Bildungspolitik erhalten einen konkreten Blick darauf, was möglich ist, wenn man Schule nicht nur verwaltet, sondern passend organisiert.
Widmanns Buch ist kein klassischer Praxisleitfaden, aber ein wichtiger Debattenbeitrag mit hohem Praxiswert. Es zeigt, welche Strukturen Kinder beruflich Reisender brauchen, warum gute Bildung nicht an der Stadtgrenze oder am Festplatzrand enden darf und weshalb erfolgreiche Modelle nicht jedes Jahr neu um Duldung bitten sollten.
Die Aufnahme der Schaustellerkultur auf Volksfesten in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes und die aktuelle Handreichung der Kultusministerkonferenz zur schulischen Bildung von Kindern beruflich Reisender geben dem Thema zusätzliches politisches Gewicht. Wenn Schaustellerkultur als schützenswerte, lebendige Kultur anerkannt wird, muss auch gefragt werden, wie die Kinder dieser Kultur dauerhaft Zugang zu Bildung erhalten.
Wer schließt den nächsten Raum auf?
Die Wasenschule ist kein Nischenthema für Pädagogen, sondern ein Beitrag zu einer der wichtigsten Zukunftsfragen der Schaustellerbranche: Wie gelingt Bildung, wenn das Leben in Bewegung bleibt?
Michael Widmann liefert keine Theorie, sondern ein erprobtes Beispiel. Die nächste Frage lautet deshalb nicht, ob das Modell funktionieren kann. Sie lautet: Wer schließt den nächsten Raum auf?
Die ausführliche Buchrezension erscheint im KOMET, Ausgabe 5895 am 16. Juli 2026. Dort vertiefen außerdem ein Interview mit Michael Widmann und ein Kommentar den größeren Bildungsauftrag der Branche: frühe Förderung, verlässliche schulische Begleitung, bessere Unterstützung für neurodivergente Kinder und tragfähige Wege in Ausbildung und Beruf.
Das Buch ist unter anderem bei Amazon und BoD Buchshop online erhältlich sowie in jeder Buchhandlung.
Michael Widmann:
Die Wasenschule – Ein Modell macht Schule.
1. Auflage 2026, Selbstverlag/BoD – Books on Demand, ISBN 978-3-696-36571-4.
Beitragsbild: Michael Widmann