12. Januar 2026

Stuttgarter Weihnachtsmarkt: Fazit nach 4 Wochen

Martin Eckert

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Oben im neuen Haus des Tourismus blickt man wie aus einer Loge direkt aufs Treiben am Marktplatz. Genau dort zieht die Stadt am letzten Morgen des Weihnachtsmarkts Bilanz: rund 3,5 Millionen Besucher in vier Wochen.

Blick von oben – und ein Fazit mit vielen Ausrufezeichen

Dennis Hamann (Pressereferent) eröffnet die Runde, stellt die Gesprächspartner vor und bringt das Setting auf den Punkt: neue Räume, weihnachtliche Farben, bester Blick auf den Markt.

Dann übernimmt Andreas Kroll (Geschäftsführer der in.Stuttgart Veranstaltungsgesellschaft) – und man merkt schnell: Das hier ist nicht irgendeine Bilanzpressekonferenz. Für Kroll ist es sein letzter Weihnachtsmarkt in dieser Rolle. Er klingt erleichtert – und ein bisschen stolz: Man habe mit rund drei Millionen gerechnet, am Ende seien es 3,5 Millionen geworden.

Ruhig geblieben – trotz Ausnahmezustand rund ums VfB-Spiel

Dass so viele Menschen kamen, lag auch am Wetter: überwiegend trocken, wenn auch kalt – ideal für „noch einen“ Glühwein, „noch eine“ Runde durch die Gassen. Und: Der Markt blieb insgesamt ruhig, friedlich und harmonisch, betont Kroll – mit einer sichtbaren Ausnahme: dem Abend rund um das Spiel VfB gegen Maccabi Tel Aviv, der zusätzliche Sicherheitslagen und spürbar mehr Polizei mit sich brachte. Julia Wilhelm, Projektleiterin, bestätigt den Eindruck: Der 11.12. sei „die Herausforderung“ gewesen – aber der Markt habe das weggesteckt. Wer an dem Tag nicht kam, kam eben später.

250 Stände und neue Klassiker

Rund 250 Stände bildeten wieder das Rückgrat des Weihnachtsmarktes: Handwerk, Deko, Kunst – und Kulinarik von klassisch bis international. Neu und offenbar schnell beliebt: große Kuchenstücke (Schillerplatz) und Suppe im Brotlaib (Schlossplatz). Dazu Raclette, Gözleme – und spürbar mehr Angebote für vegetarisch, vegan und glutenfrei. Der Markt bleibt traditionell, aber nicht stehen.

Wilhelm erzählt dabei nicht aus PowerPoint-Folien, sondern aus Schrittzähler-Erfahrung: viele Kilometer zwischen Pierre-Pflimlin-Platz und Bolzstraße – und ihr schönster Moment sei immer wieder an der Kindereisenbahn, wo „die glücklichsten Gesichter“ stehen.

Musik, die trägt – und Lichter, die ziehen

Auch 2025 war Musik mehr als Rahmenprogramm: Konzerte im Innenhof des Alten Schlosses und in der Stiftskirche, teils sogar als Doppelkonzerte wegen hoher Nachfrage. Dazu Posaunenchöre am Wochenende – erst vom Turm der Stiftskirche, dann vom Rathausbalkon: genau diese Stuttgart-Momente, die sich nicht nach Event anfühlen, sondern nach Advent.

Für Familien gab’s 2025 zusätzliche Zugkraft: Ein Etagenkarussell feierte Premiere auf dem Schlossplatz, dazu Mini-Riesenrad und Dampfeisenbahn – und als großes Fotomotiv das Riesenrad von Oscar Bruch jr. im Ehrenhof des Neuen Schlosses.

v.l.n.r. Julia Wilhelm, Projektleiterin des Stuttgarter Weihnachtsmarktes, Andrea Gerlach, Prokuristin Stuttgart-Marketing GmbH und Andreas Kroll, Geschäftsführer in.Stuttgart Veranstaltungs GmbH & Co. KG

Tourismus-Blick: Schweiz stark, USA im Aufwind – und ein Rekord im i-Punkt

Andrea Gerlach (Stuttgart-Marketing) macht klar, warum der Weihnachtsmarkt für die Stadt mehr ist als Stimmung: Er ist ein Impulsgeber für Hotellerie und Tourismus. Im i-Punkt im Haus des Tourismus registriert man während der Weihnachtsmarktzeit einen massiven Andrang: In der offiziellen Presseinfo ist von rund 100.000 Besucher:innen seit Beginn des Weihnachtsmarktes die Rede, Gerlach spricht in der Runde sogar von rund 120.000. Bei den Herkunftsmärkten nennt sie als besonders starke Gruppe erneut die Schweiz – und berichtet zugleich, dass US-Gäste stark aufholen.

Ausblick: 2026 wird’s noch einen Tag länger

Der nächste Stuttgarter Weihnachtsmarkt ist bereits terminiert: 25. November bis 23. Dezember 2026 – erneut einen Tag länger als 2025.

Kommentar

3,5 Millionen Besucher lautet die  Zahl fürs Protokoll. Aber die wichtigere Botschaft aus dieser Pressekonferenz ist eine andere: Normalität ist wieder ein Ereignis. Märkte, die wieder voll sind, Innenstädte die wieder leuchten.

Wir haben das nicht nur aus der Perspektive der Pressekonferenz erlebt. Dadurch, dass unser Stuttgarter Büro mitten in der Fußgängerzone liegt, waren wir selbst oft auf dem Weihnachtsmarkt. Das Wetter war über lange Strecken trocken – teilweise sogar zu warm. Erst in den letzten Tagen wurde es winterlich. Das klingt wie eine Randnotiz, ist aber entscheidend: Trocken heißt „komm, wir gehen noch schnell auf einen Glühwein“.

Aber: Guter Besuch heißt nicht automatisch guter Umsatz. Man spürt, dass das Geld in der aktuellen wirtschaftlichen Lage nicht mehr so locker sitzt. Viele schauen, manche teilen sich den Glühwein, manche drehen eine Runde – aber der spontane Kauf, das „ach komm, noch das auch“, passiert seltener. Der Weihnachtsmarkt bleibt Magnet, aber er ist längst nicht für alle automatisch eine Gelddruckmaschine.

Und zwischen Budenzauber und Bilanz liegt noch eine zweite Realität: die Frage nach dem, was als Nächstes passiert. Einige Beschicker spekulieren, dass der Wechsel bei den Verantwortlichen beim Veranstalter auch Standplatzwechsel mit sich bringen könnte. Für den einen wäre das die große Chance – für den anderen ein herber Rückschritt. Ein paar Meter können auf dem Weihnachtsmarkt den Unterschied machen zwischen „läuft“ und „läuft nicht“.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Spannungsbogen nach diesem Advent: Stuttgart kann Weihnachtsmarkt – das hat 2025 gezeigt. Jetzt wird entscheidend, ob es gelingt, bei all den Wechseln und Zahlen auch das zu bewahren, was man nicht messen kann: Fairness, Verlässlichkeit und das Gefühl, dass dieser Markt für alle funktioniert – nicht nur für die Statistik.

 

Beitragsfoto: in.Stuttgart – Thomas Niedermüller

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