Über 2.000 Gäste, 772 Startups und 76 Partner: Der dritte Gründerwasen brachte am 7. Oktober junge Unternehmer, Investoren und Vertreter etablierter Unternehmen in der Almhütte Royal auf dem Cannstatter Volksfest zusammen. Neben neuen Geschäftsideen stand vor allem die persönliche Vernetzung im Mittelpunkt.
„Gründen ist ein Teamsport. Der Gründerwasen ist das Heimspiel“ – unter diesem Motto hatte der Verein Startup Stuttgart zum dritten Mal auf den Cannstatter Wasen eingeladen. Das Veranstaltungsformat hat sich seit seiner Premiere 2024 deutlich vergrößert. Nach Angaben des Vereins waren damals rund 600 Menschen dabei, im vergangenen Jahr gut 1.200 und diesmal mehr als 2.000.
Zum offiziellen Auftakt um 14 Uhr war das Festzelt allerdings noch vergleichsweise schwach besetzt. Nach Beobachtung des KOMET waren zunächst nur gut ein Drittel der Plätze belegt. Im weiteren Verlauf füllte sich die Almhütte Royal deutlich, ohne überfüllt zu wirken. Auf Nachfrage am Einlass war gegen 17:00 Uhr von rund 1.500 Registrierungen die Rede. Wie viele Besucher zum anschließenden Abendprogramm hinzukamen, ließ sich nicht feststellen. Die vom Veranstalter genannte Gesamtbesucherzahl von über 2.000 konnte daher nicht unabhängig überprüft werden.
Inhaltlich setzte der Gründerwasen vor allem auf persönliche Begegnungen. Beim Wissensforum standen 48 Gastgeber an 135 Tischen in acht Themenbereichen für Gespräche bereit. Die Themen reichten von Finanzierung und Künstlicher Intelligenz bis zur Zusammenarbeit zwischen Handwerk und Startups. Parallel dazu brachte ein Job-Matchmaking junge Talente mit Unternehmen zusammen. Auf der Empore suchten Scouts der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ nach vielversprechenden Geschäftsideen.
Ab 16 Uhr gehörte die Bühne den jungen Unternehmen. Bei der Startup Pitch Parade stellten 30 Teams ihre Konzepte vor. Dafür standen ihnen jeweils 90 Sekunden und drei Präsentationsfolien zur Verfügung. Die Bandbreite reichte von digitalen Gesundheitsanwendungen bis zum Einsatz von Robotern und Drohnentechnik für die Überwachung von Wäldern.
Den Gesamtsieg sicherte sich FarmerOS aus Nürtingen. Das Unternehmen entwickelt eine Softwarelösung, die verschiedene Aufgaben landwirtschaftlicher Betriebe in einer Anwendung zusammenführt. Weitere Auszeichnungen gingen an iMTED AI und Webmeister360. Das Female Founder Stipendium erhielt das Startup flinq.
Zum Abendprogramm gehörte auch die Teilnahme von Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut. Mit NEURA Robotics, der Börse Stuttgart und dem VfB Stuttgart präsentierte der Veranstalter außerdem drei neue sogenannte Foundation Partner. Sie sollen die Arbeit des gemeinnützigen Vereins langfristig unterstützen. Nach Veranstalterangaben flossen insgesamt über 3.000 Arbeitsstunden in die Vorbereitung, rund 80 Prozent davon ehrenamtlich.
Als Veranstaltungsort bietet das Cannstatter Volksfest dem Gründerwasen eine besondere Atmosphäre. Die Organisatoren stellen dabei auch einen Bezug zu den historischen Ursprüngen des Volksfestes von 1818 her, als die Förderung von Landwirtschaft und Wirtschaft zu den wesentlichen Anliegen gehörte.
Eine unmittelbare Einbindung der heutigen Schaustellerunternehmen oder ihrer Verbände in das Programm war beim Besuch des KOMET allerdings nicht erkennbar. Für den Gründerwasen stand vor allem die Nutzung des Festzelts als Treffpunkt und Bühne der regionalen Startup-Szene im Vordergrund.
Quelle: Startup Stuttgart e. V. / Eigene Berichterstattung: DER KOMET
KOMET-Kommentar
Der Wasen ist mehr als eine Kulisse
Es ist gut, wenn junge Menschen den Mut aufbringen, Unternehmen zu gründen. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten braucht unsere Gesellschaft Menschen mit Ideen, Tatkraft und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Veranstaltungen wie der Gründerwasen können dazu beitragen, Kontakte zu knüpfen, Erfahrungen auszutauschen und aus einer Idee vielleicht ein erfolgreiches Unternehmen zu machen.
Doch muss dafür ausgerechnet das Cannstatter Volksfest als Bühne dienen?
Natürlich bietet ein Festzelt eine besondere Atmosphäre. Die Bierzeltkultur lebt von Gemeinschaft, Begegnung und Geselligkeit. Das haben längst auch Politik und Wirtschaft erkannt. Wer möglichst viele Menschen erreichen möchte, findet hier einen attraktiven Rahmen, der sich deutlich von einem gewöhnlichen Kongresszentrum unterscheidet.
Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Ein Festzelt kann schließlich für ganz unterschiedliche Veranstaltungen genutzt werden.
Fragwürdig wird es allerdings, wenn der Veranstaltungsort mit dem historischen Gründergeist von 1818 aufgeladen wird, ohne dass die Menschen und Unternehmen, die das Volksfest heute prägen, erkennbar Teil des Konzepts sind. Beim Gründerwasen haben wir jedenfalls keine entsprechende Einbindung der Schausteller, ihrer Verbände oder der Festwirte wahrgenommen.
Dabei hätte gerade diese Begegnung ihren Reiz.
Während in Teilen der Startup-Szene innovative Geschäftsideen, schnelles Wachstum, externe Kapitalgeber und mögliche spätere Unternehmensverkäufe im Mittelpunkt stehen, verkörpern viele Schaustellerfamilien eine andere Form des Unternehmertums. Sie setzen eigenes Kapital ein, tragen persönliche wirtschaftliche Risiken, investieren immer wieder in ihre Betriebe und geben diese nicht selten über Generationen weiter.
Auch hier entstehen ständig neue Ideen. Geschäfte müssen weiterentwickelt, Angebote verändert, technische Neuerungen umgesetzt und wirtschaftliche Krisen überstanden werden. Nicht jede Innovation wird zum Erfolg. Und nicht jede unternehmerische Entscheidung lässt sich mit einer überzeugenden Präsentation oder einer neuen Finanzierungsrunde lösen.
Beide Formen des Unternehmertums haben ihre Berechtigung. Ein erfolgreiches Startup kann selbstverständlich ebenfalls zu einem langfristig bestehenden Unternehmen werden. Und auch ein Familienbetrieb ist nicht allein deshalb erfolgreich, weil er seit Generationen existiert. Entscheidend bleibt, ob ein Unternehmen dauerhaft einen Nutzen stiftet und wirtschaftlich bestehen kann.
Gerade deshalb wäre der Gründerwasen eine Gelegenheit, unterschiedliche unternehmerische Erfahrungen zusammenzubringen. Junge Gründer könnten von Schaustellern lernen, was es bedeutet, einen Betrieb nicht nur zu gründen, sondern über Jahrzehnte weiterzuführen. Umgekehrt könnten etablierte Unternehmen von neuen technologischen Ideen und Geschäftsmodellen profitieren.
Der Cannstatter Wasen ist eben mehr als eine beliebig austauschbare Veranstaltungskulisse. Er ist selbst ein Stück gelebter Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte.
Es gibt einen Unterschied zwischen einer Veranstaltung, die auf dem Wasen stattfindet, und einer Veranstaltung, die aus der Kultur des Wasens heraus entsteht.
Der Gründerwasen nutzt bislang vor allem die Bühne. Vielleicht wäre es an der Zeit, auch diejenigen einzubeziehen, die diese Bühne seit Generationen möglich machen.
DER KOMET – Martin Eckert