31. März 2026

Reaktionen: Schaustellerkultur ist immaterielles UNESCO-Kulturerbe

Nicolas von Lettow-Vorbeck

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So reagieren Schausteller auf dem Berliner Frühlingsfest auf die Auszeichung

Am Freitag, dem 27. November 2026, zur Mittagszeit verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer: Die Schaustellerkultur in Deutschland ist in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen worden. Knapp zwei Tage später hört sich der KOMET bei Schaustellern auf dem Zentralen Festplatz in Berlin-Wedding um und befragt sie nach ihren Emotionen. Das Berliner Frühlingsfest ist an diesem Sonntag trotz kühler Temperaturen überraschend gut besucht. Es ist der zweite Spieltag, die Menschen freuen sich, dass nach dem langen und kalten Winter endlich wieder Rummel ist. Zwischen lauter Musik und blinkenden LEDs wird schnell klar: Diese Entscheidung ist mehr als eine offizielle Würdigung. Sie ist ein emotionaler Meilenstein. Michael Jacob erinnert sich genau an den Moment, als er davon erfuhr: „Eine bessere Nachricht für unsere Branche hätte es nicht geben können. Es ist super, klasse. Die Arbeit, die dahintersteckt, kann man gar nicht in Worten würdigen, die kann man auch nicht mit Geld aufwiegen. Das ist für uns ein enormer, wichtiger, vielleicht der wichtigste Schritt. Es hilft konkret dabei, unsere Branche dauerhaft zu sichern. Wir sind ein Stück Kultur, wir sind mehr als nur ein Spaßfaktor, wir sind jetzt auch als Kulturgut anerkannt, gewürdigt – es ist eine echte Wertschätzung. Wir sind eines der ältesten Gewerbe und auch in schlechten Zeiten immer verlässlich für die Menschen da. Ich habe es auf Social Media erfahren, die Videobotschaft von unserem Präsidenten Albert Ritter gesehen. Die hat, glaube ich, jeder in der Branche gesehen. Ich stand mitten auf der Straße und mir war es egal, was die anderen Leute gedacht haben, ich habe es mir ganz laut angeschaut und musste mit meinen Emotionen auch ein bisschen kämpfen. Das ist sehr schön.“

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Ein Meilenstein für Generationen

Auch Aaron Haberkorn beschreibt den Moment als historisch. Der junge Schausteller sagt: „Es ging am Freitagmittag durch sämtliche Chats unserer Gruppen. Und es ist natürlich der absolut größte Schritt nach vorne. Wir haben ja lange dafür gekämpft. Damals, zu Corona-Zeiten, war es ein Thema: Sind wir Schausteller überhaupt relevant? Ja, das sind wir – jetzt haben wir quasi das Siegel dafür. Und dass auch unsere ältere Generation dies noch miterleben darf und dass wir als junge Generation nachkommen dürfen, mit der Gewissheit, dass wir wirklich systemrelevant sind, dass wir Kulturerbe sind, das ist natürlich prima. Auch unsere Kinder, unsere Enkelkinder haben jetzt mehr Sicherheit. Das wurde lange erkämpft, lange, lange, lange – und es war exakt der richtige Weg. Vor Corona hat das ja auch niemand so direkt hinterfragt. Wir waren und sind immer dafür da, den Leuten ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Das ist unsere Aufgabe, unsere Berufung: dass die Leute Spaß haben, Freude empfinden, einfach mal abschalten können auf unseren Festplätzen. Ich erinnere mich noch gut an die große Demo in Berlin während Corona. Das war ein Ereignis, so viele Leute standen am Rand und haben gesagt: Kommt bitte endlich wieder, wir freuen uns auf. Da hat man ja auch schon gesehen: Für diese Menschen sind wir relevant, für die sind wir wichtig, weil die wollten uns so gerne wieder zurück. Jetzt sind wir endlich Kulturerbe – das ist natürlich ein wahnsinnig, wahnsinnig großer Moment, für mich gerade auch für meine Großeltern. Wir sind alle dankbar und auch ein wenig erleichtert.“ Peter Müller blickt auf den langen Weg bis zur Anerkennung zurück: „Vor zwei Tagen stand die frohe Botschaft in unserem DSB-Nachrichtenchat. Und ich sage jetzt mal ganz ehrlich: Für den ganzen Einsatz, der dafür gebracht worden ist, diesen Leuten zu vermitteln, was wir für einen Job machen und was wir für die Menschheit und für die Kultur tun, haben wir das wirklich verdient. Das kann man wirklich nicht anders sagen. Es war Arbeit genug, die richtigen Stellen zu informieren, sie heranzuholen und ihnen zu zeigen, was hier eigentlich mit den Menschen passiert – bei uns auf den Veranstaltungen. Das ist für uns natürlich jetzt ein riesiger Erfolg, denn ich denke, das gehört einfach da rein, in unser Kulturerbe in Deutschöand. Denn wir machen ja wirklich einen Job, der Spaß, Freude, Integration und Kultur über viele Jahrhunderte hinweg vermittelt. Da gibt es uralte Geschichten, die immer wieder auf dem Volksfestplatz erzählt werden. Und letztendlich ist das eine ganz hervorragende Sache. Es macht einen auch selbst stolz, dass das in der Gesellschaft jetzt wirklich angekommen ist und damit seine Bestätigung findet. Ich denke, diese Auszeichnung dokumentiert noch einmal ganz offiziell – auch für junge Politiker und Entscheidungsträger – was für eine Kultur und Geschichte dahintersteht. Als ich ein junger Mensch war, hieß es noch: Die Schausteller kommen, holen die Wäsche von der Leine. Dieses Klischee hat sich in den letzten 30 Jahren stark verändert. Aus diesem Bild haben wir uns längst herausgearbeitet und sind mittlerweile auch in der Finanzwelt als wirtschaftliche Betriebe anerkannt worden. Früher hast du von der Bank keinen Kredit bekommen – gar nichts. Heute sind wir anerkannte Unternehmen, die ordentliche Geschäfte führen. Wir haben ja oft auch hier in Berlin Probleme mit dem Zentralen Festplatz gehabt, da kommen immer wieder junge Politiker, die sagen, man bräuchte solche Flächen oder Veranstaltungen gar nicht – ohne darüber nachzudenken, was sie da sagen und worum es sich handelt. Was wir hier vermitteln, ist Spaß, Freude, Erholung und ein Stück Zusammenhalt. Familien finden hier regelrecht wieder zueinander, wenn sie mal einen Nachmittag gemeinsam verbringen. Und ich denke, man merkt es immer wieder: Es sind die schönsten Tage, die man sich als Familie vorstellen kann. Dass alle mal wieder zusammen etwas erleben – nicht nur alte Geschichten erzählen, sondern neue Erinnerungen schaffen. Bei der Karussellfahrt, beim Gewinnen, beim Reinbeißen in den kandierten Apfel – da sind alle dabei und erleben es gemeinsam. Wir sind Geschichtenerzähler, wir schaffen Erinnerungen.“

Mehr als nur Vergnügen

Die Stimmen dieser drei Schausteller zeigen deutlich: Volksfeste sind keine bloßen Freizeitangebote. Sie sind Orte der Begegnung, des Austauschs und der gelebten Gemeinschaft. Mit rund 5.600 Schaustellerfamilien und etwa 200 Millionen Besucherinnen und Besuchern jährlich prägt diese Kultur das gesellschaftliche Leben wie kaum eine andere. Die Entscheidung, diese Tradition als immaterielles UNESCO-Kulturerbe anzuerkennen, ist daher vor allem eines: überfällig. Auch die Besucherinnen und Besucher auf dem Berliner Festplatz reagieren bewegt. Eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern erzählt: „Für uns ist der Rummel jedes Jahr ein Highlight. Unsere Kinder freuen sich Wochen vorher darauf. Dass das jetzt Kulturerbe ist, finden wir absolut richtig – hier kommen alle Menschen zusammen, das ist heute nicht mehr selbstverständlich.“ Eine ältere Dame sagt mit einem Lächeln: „Ich bin damit groß geworden – früher mit meinen Eltern, später mit meinen eigenen Kindern. Es ist schön zu wissen, dass diese Tradition weiterlebt und jetzt auch offiziell gewürdigt wird.“ Ein Teenager, der mit Freunden unterwegs ist, bringt es auf seine Weise auf den Punkt: „Ohne Rummel wäre es echt langweilig. Das gehört einfach dazu. Ist schon cool, dass das jetzt so wichtig genommen wird.“ Als am Abend die Lichter heller werden und die Musik über den Platz klingt, wird deutlich: Diese Auszeichnung ist mehr als ein Titel. Sie ist Anerkennung, Auftrag und Versprechen zugleich – für eine Kultur, die seit über 1.200 Jahren Menschen verbindet und noch viele Generationen begleiten wird.

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