14. Oktober 2026

Bad Hersfeld: Buhrufe statt Bruder Lolls

Bad Hersfeld: Buhrufe statt Bruder Lolls
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Pfiffe, Buhrufe und ein vorzeitiges Ende: Die Ansprache von Stadtschreiberin Karen Köhler am Vorabend des Bad Hersfelder Lullusfestes hat eine heftige Debatte ausgelöst. Die Schriftstellerin wollte über Angst, Feuer und Liebe sprechen, doch viele Zuhörer hörten vor allem eine Abrechnung mit den Krisen der Welt. Der Vorfall wirft eine Frage auf, die jeden Festveranstalter angeht: Wer bekommt bei einem Volksfest das Wort – und mit welchem Auftrag?

Am Sonntag, 11. Oktober, zogen Tausende mit Fackeln und Lampions durch Bad Hersfeld, auf dem Marktplatz leuchteten bereits die Fahrgeschäfte. In der Stiftsruine versammelten sich anschließend rund 1.400 Besucher zur traditionellen Feierstunde mit Musik, dem Läuten der Lullusglocke und einer Begrüßung durch Bürgermeisterin Anke Hofmann.

Dann trat Karen Köhler ans Pult, Schriftstellerin und erste Stadtschreiberin Bad Hersfelds. Sie kündigte an, „über die Angst, das Feuer und über die Liebe“ zu sprechen. Was folgte, war vor allem ein Gang durch die Krisen unserer Zeit: Gewalt gegen Frauen, Rechtsextremismus, soziale Ungleichheit, Klimakollaps, Überwachung und die Macht der Technologiekonzerne. „Das alles findet ja parallel zu diesem feierlichen Augenblick auch statt“, sagte sie. „Das können wir auch nicht wegfeiern.“

Die Stimmung kippte. Neben vereinzeltem Applaus wurden Pfiffe, Buhrufe und Zwischenrufe lauter, Teile des Publikums stimmten den Lollsruf „Enner, Zwoon, Dräi“ an.

Wie sich die Atmosphäre veränderte, erlebte der Bad Hersfelder Richard Krolzig unmittelbar. Er ist seit Jahrzehnten in unterschiedlichen Funktionen für Schaustellerbetriebe tätig, kennt das Geschäft sowohl hinter den Kulissen als auch auf dem Festplatz und ist in der Branche bestens vernetzt. Gemeinsam mit mehreren Kollegen besuchte er die Feierstunde in der Stiftsruine.

Der Anfang sei durchaus vielversprechend gewesen, erinnert sich Krolzig. Als Köhler von ihrem Vater, einem Feuerwehrmann, erzählte und über das Entzünden und Bewachen eines Feuers sprach, habe er auf einen gelungenen Übergang zur Lullustradition gehofft. Stattdessen sei die Stimmung zunehmend aggressiv geworden. Eine solche Reaktion habe er bei der Feierstunde noch nie erlebt.

Nach etwa 25 Minuten erhielt Köhler einen Zettel mit der Aufforderung, zum Ende zu kommen; laut Hersfelder Zeitung stammte er von der Bürgermeisterin. „Es tut mir leid, dass ich Ihren Geschmack nicht getroffen habe mit meiner Rede“, sagte Köhler, verwies auf den Zettel und beendete ihre Ansprache vorzeitig.

Eine Frage der Besetzung

Die 1974 geborene Köhler ist eine vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Dramatikerin, die sich seit Jahren mit Machtverhältnissen, Geschlechterrollen und Sprache befasst. Die Stadtschreiberstelle ist kein kommunales Amt, sondern ein mit 12.000 Euro dotiertes Stipendium des Vereins für Literaturförderung Bad Hersfeld. Köhler ist unabhängige Künstlerin, keine Repräsentantin der Stadtverwaltung.

Eingeladen hatte sie die Stadt, Bürgermeisterin Hofmann kündigte den Auftritt bereits im September an. Über die Beweggründe und mögliche Absprachen ist nichts bekannt. Naheliegend ist eine Geste an die neue Stadtschreiberin. Das wäre nachvollziehbar, doch eine Lesung und die Feierstunde eines Volksfestes sind zwei verschiedene Bühnen.

Wer eine gesellschaftskritische Autorin einlädt, muss mit Gesellschaftskritik rechnen. Umgekehrt darf man von einer erfahrenen Rednerin erwarten, dass sie Anlass und Publikum berücksichtigt. An diesem Abend passten die Erwartungen vieler Besucher und die Gestaltung der Ansprache offensichtlich nicht zusammen.

Politik ist nicht das Problem

Politik hat auf Volksfesten durchaus ihren Platz. Beim Gillamoos in Abensberg gehört der Schlagabtausch seit Jahrzehnten dazu – wer dort ins Festzelt geht, weiß, was ihn erwartet. In Bad Hersfeld traf eine ausgesprochen politische Rede auf Menschen, die eine Feierstunde erwarteten.

Dass auch schwierige Themen in eine Lollsrede passen, zeigte 2022 die Kunsthistorikerin und Schaustellerin Dr. Margit Ramus. Sie sprach über Pandemie, Ukrainekrieg und wirtschaftliche Unsicherheit, stellte all das aber in Beziehung zum Fest und seinen Menschen. „Aber heute Abend wollen wir fröhlich sein“, sagte sie damals.

Köhlers Rede verlor ihr Publikum also weniger wegen der Themen als durch die Art ihrer Vermittlung. Den weitaus größten Teil nahm ein düsteres Krisenpanorama ein, begleitet von drastischen Formulierungen wie „Tech-Faschismus-Onkel“ oder „Beschissenheit der Weltlage“. Auch einzelne Zahlen und fachliche Begriffe waren problematisch. Köhler sprach von mehr als 20.000 Hitzetoten im Sommer 2026, während das Robert Koch-Institut bis Anfang September rund 16.000 schätzte. Zudem verwechselte sie die sieben von neun überschrittenen planetaren Belastungsgrenzen mit „Kipppunkten der Erde“.

Richard Krolzig nennt Köhler zugespitzt die „Greta Thunberg unter den Lollrednerinnen“. Manches mag inhaltlich berechtigt gewesen sein, räumt er ein, doch mit ihrem Auftritt habe sie ihrem Anliegen keinen Gefallen getan. In der Lulluswoche sei Politik zwar präsent, der politische Streit ruhe aber traditionell. Für ihn war es die falsche Rede zum falschen Zeitpunkt.

Niemand muss beim Lullusfest die Probleme der Welt vergessen. Hitzesommer, steigende Kosten und wirtschaftliche Unsicherheit treffen auch die Schausteller. Doch ein Volksfest erlaubt es, den Alltag für einige Stunden hinter sich zu lassen. Das ist keine Verdrängung, sondern eine seiner wichtigsten gesellschaftlichen Funktionen.

Die Botschaft kam zu spät

Dabei wollte Köhler für Zusammenhalt werben. Erst im letzten Teil sprach sie ausführlicher über ihre Verbundenheit mit Bad Hersfeld, die Lullusglocke und die Bedeutung gemeinsamer Traditionen. Man stehe in der Stiftsruine dicht zusammen, sagte sie, „trotz alledem, weil ein Ritual, weil ein Volksfest uns zusammenhält“.

Zum Schluss regte sie eine Begegnungsaktion an: Über paarweise vergebene Nummern sollten sich Besucher während der Festwoche finden und einander fragen: „Wie geht’s dir, und wie kann ich dir helfen?“

Dieser Gedanke passt durchaus zum Charakter eines Volksfestes. Auf Festplätzen begegnen sich seit Generationen Menschen unterschiedlichster Herkunft und Überzeugungen. Was Köhler mit ihrer Aktion anregen wollte, geschieht dort vielfach ganz selbstverständlich.

Ausgerechnet diese verbindende Botschaft ging jedoch weitgehend unter, weil der Weg dorthin zu lang und zu düster geraten war.

Die Verantwortung der Gastgeber

Dass Teile des Publikums die Rednerin mit anhaltenden Pfiffen und Sprechchören störten, verdient ebenfalls Kritik. Eine Rede darf missfallen und hinterher deutlich kritisiert werden. Meinungsfreiheit bedeutet aber auch, unbequeme Aussagen zunächst auszuhalten.

Die entscheidende Frage richtet sich dennoch an die Veranstalter.

Wilfried Roßbach kennt die Tradition der Feierstunde aus jahrzehntelanger Erfahrung. Der Bad Hersfelder war lange Marktmeister des Lullusfestes und arbeitet heute als freier Redakteur für den KOMET. In seiner damaligen Funktion habe er Festrednern üblicherweise empfohlen, etwa sieben Minuten Redezeit einzuplanen. Durch Beifall seien daraus meist zehn Minuten geworden, gelegentlich auch zwölf oder fünfzehn.

Das hatte seinen Grund: Viele Besucher kommen mit ihren Kindern vom Fackelzug in die Stiftsruine und möchten anschließend das weitere Festprogramm erleben. Die Feierstunde ist Teil eines ganzen Festabends, kein eigenständiger Vortragsabend.

Köhlers rund 25-minütige Ansprache ging weit über den von Roßbach beschriebenen früheren Rahmen hinaus. Ob für ihren Auftritt eine konkrete Redezeit vereinbart worden war, ist nicht bekannt.

Auch die Frage nach der Auswahl bleibt offen. Hat die Stadt die politische Zuspitzung bewusst in Kauf genommen oder den Charakter der Rede falsch eingeschätzt? Dass die Bürgermeisterin die eingeladene Rednerin schließlich selbst zum Ende aufforderte, zeigt jedenfalls, wie weit die Feierstunde aus dem Rahmen geraten war.

Bemerkenswert ist auch der Umgang der Stadt mit dem Vorfall. Bei der offiziellen Eröffnung am Lollsmontag sprach Bürgermeisterin Anke Hofmann ausführlich über Gemeinschaft, gegenseitigen Respekt und Zusammenhalt. Auf den Eklat des Vorabends ging sie nach Angaben der Hersfelder Zeitung jedoch nicht ein. Gerade nach einem solchen Verlauf wäre eine Erklärung der Gastgeber zumindest angebracht gewesen.

Für Veranstalter liegt darin eine Lehre: Wer bei einer Festveranstaltung die Bühne vergibt, sollte vorher klären, welchen Charakter die Ansprache haben soll, welche Erwartungen das Publikum mitbringt und welcher zeitliche Rahmen vorgesehen ist. Das ist keine Zensur, sondern verantwortungsvolle Veranstaltungsplanung.

Das Fest hat es ausgehalten

Am nächsten Mittag brannte das „Fierche“, Zehntausende feierten den Lollsmontag. Die Diskussion über die Rede blieb zwar auch am Montag ein Gesprächsthema, hatte das eigentliche Volksfest aber nicht aus der Bahn geworfen. Nach Einschätzung Roßbachs dürfte die Kontroverse auch keinen Einfluss auf den wirtschaftlichen Verlauf des Lullusfestes haben.

Wie gut das Fest dennoch Menschen zusammenbringen kann, erlebte Krolzig am folgenden Abend. Am Lullusfeuer kam er mit einer jungen Frankfurterin ins Gespräch. Politisch seien beide keineswegs einer Meinung gewesen, hätten ihre Ansichten aber austauschen können – genau das, wofür Köhler am Ende ihrer Rede werben wollte.

Ein Volksfest mit mehr als elf Jahrhunderten Geschichte hält auch eine missglückte Rede aus. Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht allerdings nicht dadurch, dass man ihn beschwört. Er setzt voraus, dass Menschen andere Perspektiven zulassen – und dass diejenigen, die für ihn werben, ihre Zuhörer auch erreichen.

Das Lullusfest bietet dafür seit Jahrhunderten den passenden Rahmen. Eine Festrede sollte diese Stärke aufgreifen, statt sie auf die Probe zu stellen.

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