Ein verlassener Tempel tief im Dschungel, eine Expedition, die aus dem Ruder läuft, und eine Geschichte, die sich Szene für Szene zu einem unheimlichen Erlebnis verdichtet: Mit dem „Tempel der Schatten“ wagen Tom Heine und Janine Burghard ein spektakuläres Konzept. Für die Neugestaltung ihrer Geisterbahn haben sie mit dem Art Team Berlin einen Partner verpflichtet, der bislang vor allem im Filmkulissenbau und bei der Gestaltung von Escape Rooms zu Hause ist. DER KOMET hat das Team am 9. Oktober im ehemaligen Air-Berlin-Hangar auf dem Flughafen Berlin-Tegel getroffen. Dort steht die frühere „Burg des Grauens“ bereits seit knapp zwei Wochen vollständig aufgebaut. Eifrig wird gewerkelt, gebaut und gestaltet – in einer Halle, in der früher Verkehrsflugzeuge wie der Airbus A320 gewartet wurden. Für das Art Team Berlin ist das Projekt eine Premiere: Erstmals setzt das Team seine umfassenden Erfahrungen aus Film und immersiven Erlebniswelten für einen Schaustellerbetrieb ein. Die gestalterische Leitung liegt bei Roland Steiniger, der auch die Geschichte der neuen Geisterbahn entwickelt hat.
Eine Expedition, die aus dem Ruder läuft
„Wir erzählen eine Expedition, die schiefgeht“, erklärt Steiniger. „Die Besucher dringen immer tiefer in den Dschungel und einen verlassenen Tempel ein. Dabei merken sie nach und nach, dass sie dort nicht allein sind.“ Die Grundidee ist bewusst mehr als eine Aneinanderreihung gruseliger Szenen. Die Fahrgäste sollen eine Geschichte erleben, die sich von der ersten bis zur letzten Szene entwickelt. Dafür hat das Art Team Berlin im Auftrag der Kunden Storyboards erarbeitet, wie sie auch bei Filmproduktionen zum Einsatz kommen. Sie zeigen, welche Emotionen entstehen sollen, wie die Räume aufeinander aufbauen und an welchen Stellen die Spannung zunimmt. „Ich denke in Bildern, so wie ich es vom Film kenne. Mich interessiert, was der Besucher sieht, wenn er in einen Raum hineinfährt, was zunächst im Verborgenen bleibt und wann sich eine Situation verändert. Wir müssen uns überlegen, wie wir die Menschen durch diese Geschichte führen.“ Dass Steiniger Geisterbahnen faszinierend findet, merkt man seinen Überlegungen an. Für ihn liegt der besondere Reiz darin, mit räumlichen Bildern, Licht und Atmosphäre eine eigene Welt zu erschaffen. „Für mich hat das Ganze fast etwas von einer Oper: Es beginnt langsam, baut eine Stimmung auf und steigert sich dann immer weiter bis zum Höhepunkt.“ Genau diese Dramaturgie soll den „Tempel der Schatten“ prägen. Die Besucher betreten eine geheimnisvolle Welt, in der zunächst die Atmosphäre wirkt. Mit jeder weiteren Szene soll die Expedition unheimlicher werden. Dabei geht es nicht zwangsläufig darum, ständig den nächsten Schreckeffekt zu präsentieren. „Uns ist wichtig, dass die Geisterbahn einen roten Faden hat. Wir wollen eine Gesamtinszenierung schaffen, in der die Geschichte der geisterhaften Dschungel-Expedition stringent erzählt wird. Jede Szene soll zur nächsten passen und die Handlung weiterführen.“
Filmische Bilder für ein reisendes Geschäft
Die Erfahrung aus dem Filmkulissenbau ist für die Entwicklung der neuen Geisterbahn ein großer Vorteil. Gleichzeitig muss das Art Team Berlin seine Arbeitsweise an die besonderen Bedingungen des Schaustellergewerbes anpassen. Denn zwischen einer Filmkulisse und einer Kulisse für ein reisendes Fahrgeschäft bestehen erhebliche Unterschiede. „Wenn die Szene abgedreht ist, hat die Kulisse ihre Aufgabe erfüllt. Bei einer Geisterbahn ist das anders. Die Besucher erleben die Räume aus unterschiedlichen Blickwinkeln, und die gesamte Konstruktion muss auch im laufenden Betrieb funktionieren. Wir müssen von Anfang an mitdenken, wie die Kulissen gebaut sind und wie sie sich für den Transport eignen. Es bringt nichts, wenn etwas fantastisch aussieht, aber den praktischen Anforderungen nicht gerecht wird. Die Herausforderung besteht darin, beides miteinander zu verbinden: eine starke künstlerische Idee und eine Konstruktion, die im Schaustellerbetrieb funktioniert.“
Mehr als eine Folge von Schreckmomenten
Die ehemalige „Burg des Grauens“ bildet zwar die bauliche Grundlage, doch das neue Konzept soll weit über eine optische Überarbeitung hinausgehen. „Wir möchten, dass die Besucher für einige Minuten wirklich in diese Welt eintauchen“, sagt Steiniger. „Es soll sich anfühlen, als wären sie selbst Teil dieser Expedition. Manchmal ist es gerade das, was man nicht sofort sieht, das eine Szene unheimlich macht. Ein Schatten, ein ungewöhnliches Licht oder ein Detail, das man erst beim zweiten Blick erkennt. Wir wollen nicht überall gleichzeitig den größtmöglichen Schreck erzeugen. Die Spannung soll sich entwickeln und schließlich ihren Höhepunkt erreichen.“
In der Halle wird es konkret
Am 9. Oktober ist die Planungsphase längst in die praktische Arbeit übergegangen. Die Geisterbahn steht vollständig aufgebaut in der riesigen Halle. Während das Art Team Berlin an der neuen Gestaltung arbeitet, werden die Ideen aus den Storyboards nach und nach in konkrete Kulissen und Szenen übersetzt. „Jetzt geht es darum, unsere Vorstellungen tatsächlich in den Raum zu bringen. Ein Storyboard ist zunächst eine Idee auf Papier. Hier sehen wir, wie sie sich in der Realität umsetzen lässt. Dabei merkt man auch, an welchen Stellen man etwas verändern oder weiterentwickeln muss.“ Die Arbeiten laufen auf Hochtouren. Noch ist die neue Dschungelwelt nicht fertig, doch die Richtung ist klar: Aus der früheren „Burg des Grauens“ soll ein atmosphärisch dichtes Gesamterlebnis werden, das seine Besucher mit auf eine unheimliche Reise nimmt. „Wir wollen bei diesem Projekt kreativ an unsere Grenzen gehen“, erklärt Steiniger. „Es ist für uns interessant, in einer Branche zu arbeiten, die andere Voraussetzungen mitbringt als Film oder Escape Rooms. Gleichzeitig können wir viel von dem einsetzen, was wir dort gelernt haben. Am Ende muss alles zusammenpassen – die Geschichte, die Bilder und die praktische Umsetzung.“ DER KOMET wird die Arbeiten weiter begleiten und in den kommenden Ausgaben über den Fortschritt berichten.